Stuttgart 21: Verlängerte Gnadenfrist für Kopfbahnhof und Gäubahn

Pressemitteilung der Regionalfraktion Linke.Piraten.SÖS im Verband Region Stuttgart, veröffentlicht am 20.07.2025.

Nach der Pressekonferenz im Anschluss an die Sitzung des Lenkungskreises Stuttgart 21 zeigt sich die Regionalfraktion Linke.Piraten.SÖS wenig überrascht über die erneute Verschiebung der vollständigen Inbetriebnahme von Stuttgart 21 – diesmal auf Ende 2027. Positiv bewertet die Fraktion die befristete Weiterführung des Kopfbahnhofs sowie die aufgeschobene Kappung der Gäubahn. Doch aus Sicht der Regionalfraktion darf dies keine bloße Übergangslösung bleiben – die Beibehaltung beider Infrastrukturen muss dauerhaft gesichert werden.

Laut aktueller Ankündigung der Projektpartner soll im Dezember 2026 eine Teilinbetriebnahme des Tiefbahnhofs erfolgen – zunächst für Fern- und einzelne Regionalzüge. Der Kopfbahnhof bleibt bis mindestens Juli 2027 in Betrieb und übernimmt weiterhin einen Großteil des Regionalverkehrs. Der Cannstatter Tunnel sowie die neue Strecke über die Rosenstein-Haltestelle werden hingegen noch nicht genutzt. Die vollständige Inbetriebnahme des Gesamtprojekts wird nun für Ende 2027 angestrebt – allerdings weiterhin ohne die sogenannte P-Option und ohne den essenziellen Pfaffensteigtunnel.

Philip Köngeter, Pirat und Mitglied im Verkehrsausschuss der Region, warnt vor den Auswirkungen für die Fahrgäste:

„Klar ist: Die Verschiebung soll den völligen ÖPNV-Kollaps verhindern. Doch für S-Bahn-Nutzende bedeutet das weiterhin Jahre massiver Einschränkungen – keine echten Verbesserungen bis mindestens Ende 2027. Und das auch nur, falls dieser Zeitplan überhaupt hält. Schon jetzt ist es schwer, Menschen zum Umstieg auf die Bahn zu bewegen – zu unzuverlässig und unplanbar ist der derzeitige Betrieb. Die Hoffnung liegt darauf, dass es besser wird – nur dann kann der ÖPNV im Großraum Stuttgart wirklich zur echten Alternative zum Auto werden. Wir setzen uns weiter entschlossen für die Belange der Fahrgäste ein, damit diese Ziele erreicht werden können. Dazu braucht es aber auch mehr frühzeitige, ehrliche und transparente Kommunikation durch Bahn und DB InfraGO.“

Auch sein Fraktionskollege Sebastian Stark (DIE LINKE) kritisiert die Kommunikation der Verantwortlichen:

„Wenn der Stuttgarter OB und der Bahnvorstand die anstehenden Sperrungen als 'steinig' und mit 'einigen Unannehmlichkeiten' verharmlosen, dann ist das ein Schlag ins Gesicht der Fahrgäste. Ein 'Weiter so' ist nicht mehr zumutbar. Der Schaden für den Nahverkehr in der Region ist schon jetzt immens.“

Die angekündigte Verschiebung der Gäubahn-Kappung auf März 2027 bewertet die Regionalfraktion zwar als Schritt in die richtige Richtung – doch der Preis dafür bleibt hoch. Direkt im Anschluss an die Kappung soll die S-Bahn-Stammstrecke für drei Monate gesperrt werden. Damit fällt die einzige potenzielle Ausweichstrecke zwischen Vaihingen und Hauptbahnhof weg. Fahrgäste sollen sich stattdessen in Busse, Stadtbahnen und überlastete Regionalzüge drängen. Die Möglichkeit, die Gäubahn während der Bauzeit weiterhin in den Kopfbahnhof zu führen, lehnt die Bahn weiterhin kategorisch ab.

Die Regionalfraktion – seit jeher engagierte Kritikerin und Gegnerin des hochumstrittenen Großprojekts – sieht sich durch die aktuellen Entwicklungen in ihrer Haltung bestätigt: eine Verdopplung der Baukosten von ursprünglich 4,5 auf nun über 11 Milliarden Euro, eine im Vergleich zum Kopfbahnhof deutlich unterdimensionierte Leistungsfähigkeit des neuen Tiefbahnhofs, chaotische Auswirkungen auf den laufenden Betrieb der S-Bahn, und zusätzliche Infrastrukturprojekte wie P-Option und Pfaffensteigtunnel, die nötig wären, um Stuttgart 21 überhaupt vollumfänglich nutzbar zu machen.

Stadt und Region Stuttgart werden die negativen Folgen dieses Prestigeprojekts noch weit über das Jahr 2027 hinaus spüren.