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Wasserstoff-Strategie für die Region

Rede von Regionalrat Christoph Ozasek in der Regionalversammlung Stuttgart am 15.12.2021 zu TOP 1: Wasserstoffstrategie für die Region Stuttgart und Grundlagen für das regionale "Kofinanzierungsprogramm Wasserstoff und Brennstoffzelle Region Stuttgart".



Herr Vorsitzender,
werte Kolleg*innen,
lieber Herr Dr. Rogg,

zu meiner Schulzeit präsentierte uns mein Chemielehrer verheißungsvoll ein Wunderwerk der Ingenieurskunst: Die von einem Glaskasten sicher umschlossene Brennstoffzelle. „Wasserstoff“, das ist dieser magische Stoff aus dem die Zukunft gewoben ist, so die frohe Botschaft. Ein Vierteljahrhundert später fühle ich mich heute bei all der Besoffenheit um dieses magische Molekül in den gymnasialen Chemiesaal zurückversetzt.

Was heute frenetisch gefeiert wird hält als Technologiepfad einer kritischen Betrachtung nicht stand. Grüner Wasserstoff ist der „Champagner der Energiewende“. Sein Gesamtwirkungsgrad zwischen Erzeugung und Verwendung ist so schlecht, dass es nicht vermessen ist, die Brennstoffzelle als das zu bezeichnen, was sie ist: eine „Energievernichtungsmaschine“.

Wasserstoff gehört nicht ins Tankstellennetz, Erdgasnetz, die Gebäudeheizung oder in die Kraftwerke. Schon gar nichts hat die Brennstoffzelle im Automobilsektor zu suchen: Den „Champagner der Energiewende“ in die Tanks der von Roland Berger für den Südwesten herbei prognostizierten 1 Million Brennstoffzellen-SUVs zu schütten, gleicht spätrömischer Dekadenz.

In diesem Zusammenhang werden Sie von uns auch keinen Jubel hören zum Joint-Venture Cellcentric, mit dem Ziel der industriellen Brennstoffzellenproduktion für den LKW-Fernverkehrsgütertransport. Denn der Güterverkehr gehört auf die umweltfreundliche Schiene, nicht auf den Asphalt!

Machen wir uns ehrlich: Die Region Stuttgart wird kein Standort der Wasserstoffproduktion sein. Wir haben keine überschüssigen, fluktuierenden Erneuerbaren Energien. Baden-Württemberg ist Energieimportland. Dieser Fakt verstärkt sich, sobald die Atomkraft- und Kohlekraftwerke planmäßig vom Netz gehen. Deshalb sind Elektrolyseure energiewirtschaftlich hierzulande schlicht Unfug.

Die im Zuge der Modellregion beschriebene Neckar-Wasserstoffpipeline ist mit unzähligen Zielkonflikten durchsetzt. Von der Quelle, einem Elektrolyseur der Kleinstmengen Wasserstoff bereitstellt, und das aus der nächstmöglichen großen Energiequelle - dem Kohlekraftwerk in Altbach -, bis zu einem Nutzerkreis, für den dieser Technologiepfad höchst fragwürdig ist.

Wasserstoff hat - das ist völlig unstrittig - das Potential, industrielle Kernsektoren zu dekarbonisieren. Als Rohstoff für die chemische Industrie und in der Stahlproduktion ist Wasserstoff alternativlos. Einzig in diesen kritischen Feldern gilt es, eine grüne Wasserstoffwirtschaft aufzusetzen.

Würde die Modellregion Grüner Wasserstoff und das regionale Förderprogramm dieses für unseren Maschinenbau wichtige Anwendungsfeld innovationsförderlich in den Fokus rücken, sie hätten sofort unsere Stimmen. Da jedoch ausnahmslos alle Kriterien im vorgelegten Kofinanzierungsprogramm schlicht Fehlnutzungsanreize setzen, ist es für uns nicht zustimmungsfähig.

Werte Kolleg*innen, Wasserstoff wird keine Wunder vollbringen und die Zielkonflikte des Transformationspfads zur Klimagerechtigkeit auflösen. Das versprechen einzig ein paar Wasserstoff-Lobbyisten die sich gut bezahlen lassen, um der Erdgas- und Atomindustrie eine Überlebensgarantie zu eröffnen.

Die Dekarbonisierung des Verkehrs- und Wärmesektors darf nicht über Wasserstoff und die damit verbundene Externalisierung der Folgen unseres Energiehungers in den globalen Süden stattfinden. Mit diesem Technologiepfad wird das Pariser Klimaabkommen scheitern.